
Poison Ivy
Für die Saison 2019/2020 kehren die Magic Girls in die Comic-Welt zurück, die sie bereits mit „Batman" 2012/2013 erkundet haben – diesmal jedoch aus einer ganz anderen Perspektive: „Poison Ivy" stellt eine ambivalente, kraftvolle weibliche Figur in den Mittelpunkt, deren Verbindung zur Natur ebenso faszinierend wie gefährlich ist. Zwischen Verführung, Rebellion und grüner Naturmagie entsteht eine Show voller Kontraste.
Die Kostümwelt lebt von sattem Grün, giftigen Akzentfarben und floralen Applikationen, die an Ranken, Blätter und exotische Pflanzen erinnern. Im Gegensatz zur zarten, hellen Grünwelt der „Legende der Elfen" setzt „Poison Ivy" auf eine dunklere, intensivere Variante dieser Farbwelt – tiefes Waldgrün trifft auf schimmernde Details, die an giftige, aber betörend schöne Pflanzen erinnern. Diese bewusste Verführung durch Schönheit, die zugleich eine Gefahr birgt, ist das visuelle Leitmotiv der gesamten Show.
Choreografisch verbindet „Poison Ivy" fließende, ranken-artige Bewegungen mit plötzlichen, kraftvollen Ausbrüchen, die die unberechenbare Doppelnatur der Figur widerspiegeln. Formationen wachsen wie Pflanzen langsam ineinander, umschlingen sich, um sich dann in überraschenden, fast bedrohlichen Bildern wieder zu lösen. Diese Dramaturgie aus Anziehung und Gefahr verlangt von den Tänzerinnen ein hohes Maß an Ausdruckskraft, da die Choreografie ständig zwischen Verführung und Stärke changiert.
Musikalisch begleiten dunkle, hypnotische Klänge mit organischen, fast pflanzlichen Klangtexturen die Show, die immer wieder von kraftvollen, elektronischen Beats durchbrochen werden. Dieser Kontrast zwischen Natürlichkeit und moderner Schärfe verleiht der Show einen eigenständigen Sound, der sich klar von den orchestralen Klangwelten früherer Comic-inspirierter Shows abhebt.
Inhaltlich thematisiert „Poison Ivy" die Kraft, die entsteht, wenn eine Figur sich nicht in ein einfaches Gut-Böse-Schema pressen lässt, sondern ihre eigene, komplexe Stärke auslebt. Diese Vielschichtigkeit macht die Show zu einer der psychologisch interessantesten Produktionen der Chronik und zeigt, dass die Magic Girls auch mit ambivalenten, nicht eindeutig „guten" Figuren eine mitreißende Geschichte erzählen können.
Für die Gruppe war diese Saison ein weiterer Schritt, popkulturelle Stoffe eigenständig zu interpretieren, statt sie nur nachzustellen. Wie schon bei „Batman" steht auch hier die tänzerische Übersetzung der bekannten Bildsprache im Vordergrund – mit dem Unterschied, dass „Poison Ivy" eine deutlich femininere, naturverbundenere Ästhetik in den Mittelpunkt rückt.
Optisch setzt die Show auf grünlich-violettes Bühnenlicht und gezielte Nebeleffekte, die eine dichte, fast dschungelartige Atmosphäre erzeugen. Diese Inszenierung verstärkt den hypnotischen Charakter der Show und lässt die Bühne selbst wie einen lebendigen, atmenden Organismus wirken.
In der Chronik der Magic Girls markiert „Poison Ivy" eine Show, die zeigt, wie viel Tiefe in einer vermeintlichen „Bösewicht"-Figur stecken kann, wenn man sie ernst nimmt und ihre Widersprüche choreografisch auslotet. Diese Saison bleibt als eine der stilistisch mutigsten und emotional vielschichtigsten Produktionen der Gruppe in Erinnerung.
Diese Show markiert außerdem das Ende einer besonders produktiven Vorkriegs-Corona-Phase der Magic Girls: Nach „Poison Ivy" folgt mit der erzwungenen Pandemie-Pause ein tiefer Einschnitt in der Vereinsgeschichte, der die energiegeladene, ambitionierte Herangehensweise dieser Saison im Rückblick noch stärker hervortreten lässt. Wer die Chronik der Gruppe chronologisch verfolgt, erkennt in „Poison Ivy" damit auch den vorläufigen Höhepunkt einer Entwicklungsphase, die erst Jahre später mit „Sirenen" ihre Fortsetzung findet.
Auch choreografisch bleibt diese Saison ein Referenzpunkt für ambivalente Charaktershows: Die Gratwanderung zwischen Verführung und Bedrohung, die hier erstmals so konsequent durchgehalten wird, dient späteren, ähnlich vielschichtigen Mottos als Vorbild für den Umgang mit widersprüchlichen Figuren. Wie stark diese Saison intern wirkt, zeigt sich daran, wie oft einzelne choreografische Ideen aus „Poison Ivy" in Gesprächen über spätere Mottos als Referenz herangezogen werden.

